Peru: Ponchos auf dem Weg zu den Inka-Terrassen

erschienen in Die Presse, 28./29.9.2019

In Chinchero, nahe Cusco, hatten die Inkas ihren Sommersitz. Auf dem Sonntagsmarkt verkaufen die Weberinnen besondere Ware.

„Sie kommen, sie kommen!“ Aufgeregt läuft Delmy die sechs Stufen der Holztreppe aus ihrem Innenhof hinauf auf die schmale Gasse. Sie trippelt um die Ecke und begibt sich in Pose. In der linken Hand hält sie den Wollfaden, an dem eine kleine Spindel auf und ab baumelt. Delmy lächelt. Sie trägt das traditionelle Gewand der Frauen von Chinchero, ein schwarzer Rock mit roter Borte, über einer weißen Bluse eine rote Wolljacke mit grünem Saum, einfachen Stickereien und ein paar Pailletten, dazu ein runder schwarzer Hut mit umgeschlagener breiter roter Krempe. Zwei schwarz glänzende geflochtene Zöpfe ragen über ihren Rücken bis zur Taille.

Delmy wartet. Und sie ist nicht allein. Neben ihr stehen bereits drei andere Frauen mit denselben Spindeln, andere sitzen auf den großen Steinen am Rand der Gasse. Sie alle warten auf die nächste Busladung Touristen. Zwar wissen die Fremdenführer schon vorher, wohin sie ihre Touristengruppen lotsen werden, denn jeder hat Absprachen mit den Betreibern der kleinen Schauwebereien getroffen, für die Chinchero berühmt ist. Aber Delmy gibt nicht auf. Die Mittvierzigerin ist recht neu im Geschäft mit ihrem Ausstellungsraum im Innenhof und hat daher noch nicht so viele Kunden. Da kaum ein Tourist ohne Fremdenführer nach Chinchero kommt, ist es wichtig, sich mit ihnen gut zu stellen. Sonst zieht die Karawane zahlungswilliger Besucher gleichgültig an ihr vorbei und kauft die gewebten Tischläufer und Ponchos bei den Nachbarn.

Rätselhafte Inkaterrassen

Die 10.000 Einwohner zählende Gemeinde Chinchero liegt 30 Kilometer von Cusco entfernt. Meist wird es im Zuge einer Tagestour zu den Salzminen von Maras und zur archäologischen Stätte von Moray besucht. Die kreisförmigen Terrassen dort geben wie so viele Inka-stätten bis heute ein Rätsel auf. Es wird vermutet, dass die Terrassen von Moray, die je nach Lage, Form und Ausrichtung Temperaturunterschiede von bis zu 15 Grad aufweisen, den Inkas dazu dienten, die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen für den Pflanzenwuchs zu untersuchen. Genau weiß das niemand, doch beeindruckend ist es allemal, auf dem kurzen Rasen inmitten einer der kreisförmigen Ebenen zu stehen und zum Horizont zu blicken. Chinchero liegt buchstäblich am Weg. Das haben sich vor allem die Dorfbewohnerinnen zunutze gemacht und sich auf die traditionelle Handwerkskunst des Webens besonnen. Sie stellen Decken, Tischläufer oder Ponchos im traditionellen Design und Muster her und verkaufen sie. Es gibt eine kleine Verkaufsshow, in der die Frauen erklären, mit welchen Pflanzen die Wolle gefärbt und wie die Webstücke angefertigt werden.

Delmy steht nervös neben anderen Frauen, die alle die gleiche Tracht tragen. Jede Frau besitzt eine Garnitur. Abseits ihrer Arbeit im Tourismus tragen sie Jeans oder Jogginghosen, T-Shirts und Pullover. Ein bisschen erinnert ihre traditionelle Bekleidung an Dirndl, wenngleich die Stoffe sperriger, grober sind. Die Hüte schützen vor der gleißenden Sonne, die auf über 3000 Metern Höhe und in Äquatornähe im Laufe des Tages eine ziemliche Kraft entwickelt. Delmy begrüßt den Fremdenführer freundlich auf Spanisch. Gleichgültig zieht er an ihr vorbei. Sie gibt nicht auf, versucht es mit etwas Englisch bei den Ausländern. Die Frauen von Chinchero in ihrer Tracht werden interessiert beäugt. „No, thank you“, erwidert lächelnd eine Touristin. Im Schutz ihrer Gruppe steuert sie über die gepflasterten Gassen, die seit Inkazeiten etwa zehn Zentimeter breite Regenrinnen durchziehen, die Überreste des Inkapalastes an.

Leuchtende Pflanzenfarben

Den Palast ließ der zehnte Inkakönig Túpac Yupanqui angeblich als Sommerresidenz errichten. Die Grundmauern sind ähnlich wie in den Inkastätten Pisac, Ollantaytambo und Machu Picchu freigelegt und großteils restauriert. Der Rest wurde geplündert und zerstört. Der alte Teil Chincheros, in dem sich die Schauwebereien befinden, wurde in der Kolonialzeit auf den Grundmauern der Inkastadt errichtet. Die Häuser aus Lehmziegeln ziehen sich den Hügel hinauf. Darüber liegen landwirtschaftliche Parzellen, in denen die Dorfbewohner überwiegend Kartoffeln und Saubohnen anbauen. Was sie nicht selbst herstellen, kaufen sie auf dem Sonntagsmarkt, wo unter den Bewohnern heute noch Tauschhandel betrieben und Quechua gesprochen wird.

Am Nachmittag hat Delmy mehr Glück. Eine etwa zehnköpfige Gruppe besucht ihre Werkstatt im Innenhof des Kolonialbaus. Ringsum haben ihre Mitarbeiterinnen die bunten Waren auf Tischen ausgebreitet. Jede verkauft, was sie selbst erzeugt hat, außerdem zugekaufte Strickpullover und andere Kleidungsstücke, die offensichtlich maschinell gestrickt wurden.

Delmy genießt die Präsentation des traditionellen Handwerks. Die Besucher sitzen auf Holzbänken unter einem Strohdach in der Mitte des Innenhofs. Delmy hockt neben einem Lehmofen am Boden, neben sich ein paar Körbe ausgebreitet. In einem der Körbe befindet sich Schafwolle. Sie zeigt, wie diese Wolle mithilfe der Sakta-Wurzel, auch Inka-Shampoo genannt, weiß gewaschen wird. Anschließend spinnen die Frauen die Wolle zu feinen Fäden. Diese werden schließlich mit Pflanzenfarben gefärbt. Rottöne werden aus der weiblichen Schildlaus gewonnen. Getrocknet und gemahlen spendet das Blut des Insekts den Farbstoff Karmin. Wenn die rote Flüssigkeit mit Limettensaft oder Salz in Kontakt kommt, entstehen die unterschiedlichsten Rottöne. Delmy schmiert sich etwas davon auf die Lippen. „Das hält 24 Stunden. Oder 1000 Küsse.“ Die Besuchergruppe lacht. Sie sind beeindruckt von den vielen Stunden Arbeit, die in einer Wolldecke stecken. Trotzdem versuchen fast alle, den Preis herunterzuhandeln. Wer nicht handelt, fühlt sich als Tourist anscheinend über den Tisch gezogen. Die Frauen von Chinchero spielen mit und geben beim Preis etwas nach. Aber sie haben ihren Stolz. Lieber verkaufen sie weniger.

Delmy mietet ihr Geschäftslokal zu Arbeitszwecken. Zum Wohnen müsste es hergerichtet werden. Das Haus steht für 140.000 Dollar zum Verkauf. Das wird sie nie zahlen können. Die Grundstückspreise sind in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt. Wer etwas besitzt, hofft, aus den ehrgeizigen Plänen der Regierung Kapital schlagen zu können. Der neue Flughafen für Cusco soll direkt neben Chinchero gebaut werden. Die Hochebene am Fuße der alten Stadt ist weit und breit die größte zur Verfügung stehende Fläche, die es braucht, um die Touristenströme nach Machu Picchu zu bedienen. Die Initiatoren des Projekts wollen Touristen den Zugang zu Machu Picchu und dem Heiligen Tal vereinfachen. Flüge aus Miami, Florida, sollen direkt in Chinchero landen.

Flughafen: Fluch oder Segen?

Allein in den vergangenen zehn Jahren ist der neue Teil Chincheros entlang der Hauptverkehrsstraße um ein Vielfaches gewachsen. Betonhäuser säumen die schachbrettartig angelegten Straßen. Ihre Besitzer erwarten sich durch Touristenströme eine florierende Zukunft. Dass die wenigsten Peru-Reisenden daran interessiert sein werden, ein Restaurant oder Hotel direkt neben dem Flughafen zu besuchen, scheint sie nicht zu kümmern. Delmy weiß nicht, was sie davon halten soll. Mehr Touristen und mögliche Besucher, das klingt ja toll, aber was dies für das kulturelle Erbe des alten Chincheros bedeutet, für die Lebensqualität der Weberinnen und der Familien, die unter der Armutsgrenze leben, kann sie sich nicht vorstellen.

Mehrere Jahre wurden die Pläne für den Flughafen wegen der Korruptionsvorwürfe gestoppt. Seit Anfang des Jahres sind Bulldozer vor Ort, um das Land zu räumen und für weitere Bauarbeiten zu ebnen. Seit März wird international verhandelt. Eine Gruppe von 200 peruanischen sowie international renommierten Experten hat eine Petition unterschrieben, um das Projekt zu stoppen. Sie fürchten um die Zerstörung des kulturellen präkolonialen Erbes.

Delmy blickt den Besuchern hinterher. Mit ihren Einkäufen steigen die Touristen in den Bus. Es wird ruhig in der Altstadt. Die Sonne verschwindet hinter den verschneiten Bergketten am Horizont. Die Luft wird kühler. In der Nacht wird es wahrscheinlich frieren. Delmy dankt den Apus, den Berggeistern, für den erfolgreichen Tag. Ob Flughafen oder nicht, die Apus werden schon wissen, was mit Chinchero geschehen soll.

TIPPS:

Hotel:
Inkaterra La Casona. Im 16. Jh. diente das Gebäude noch den Inkas als militärische Übungsstätte. Nach der Zerstörung wurde ein kolonialer Palast darüber errichtet. Touren ins Heilige Tal, u. a. nach Chinchero. www.inkaterra.com

Ausflüge nach Chinchero:
von Cusco aus in Hotels oder bei einer der vielen Reiseagenturen. Individuell mit einem Taxi oder einem Kollektivtaxi.

Hörtipp:
Ö1 „Ambiente“ 17. 11. zu „Overtourism“. Beitrag der Autorin über mög- liche Auswirkungen des Flughafenbaus in Chinchero und über Machu Picchu.

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