Als Leichtmatrosin über den Atlantik

erschienen in Oberösterreichische Nachrichten, 25.1.2014

Sechs Wochen dauert die Überfahrt mit dem Frachtsegelschiff Tres Hombres von Portugal nach Südamerika. „Urlauber“ können nur als Lehrlinge auf dem Schiff anheuern und müssen kräftig mit anpacken.

Nur wenige Tage haben wir Lehrlinge Zeit, uns an Bord einzuleben. Noch ist viel zu erledigen: Schiff putzen, Wassertanks füllen, Lebensmittel kaufen. Da die Tres Hom- bres keinen Motor hat, gibt es auch keinen Kühlschrank. Alles muss genau eingeteilt und in den beiden Vorratsräumen und unter den Betten verstaut werden.
Für alle Neuen gilt es, die Namen der Segel und unzähligen Leinen und deren Funktionen zu lernen. Schließlich sind die Lehrlinge nicht einfach Passagiere, die eine romantische Atlantik-Überquerung gebucht haben, sondern müssen als Teil der Mannschaft mithelfen und können bei Interesse bis zum Steuermann ausgebildet werden. Mit einem Blatt Papier, auf dem jede Leine gekennzeichnet ist, gehen wir immer wieder übers Deck, von Backbord nach Steuerbord, vom Bug zum Heck und wieder zurück, um uns alles einzuprägen.

Die ersten Tage sind die schlimmsten. Sich an Wind und Wellen gewöhnen, an Wach- und Ruhezeiten, das ist körperlich fordernd.

Schließlich legen wir ab. Vier Leute braucht es, um die Ankerkette einzuziehen. Am Steuerrad steht der Kapitän, brüllt Kommandos über das Deck. Nach einer halben Stunde auf See beuge ich mich das erste Mal über die Reling, um mich zu übergeben. Die ersten Tage sind die schlimmsten.

Der Körper gewöhnt sich allmählich an die neue Umgebung, die Übelkeit und die Schwere in den Gliedern schwindet. Ich muss das Tempo reduzieren und jeden Handgriff gemächlich ausüben, angepasst an die Schaukelbewegungen des Schiffs.

Rund um die Uhr müssen wir Wache halten und sind dafür in zwei Gruppen aufgeteilt, die einander im Vier- bzw. tagsüber im Sechs-Stunden-Rhythmus abwechseln. Es ist November. Noch sind die Nächte kühl, auch tagsüber braucht es lange Ärmel oder sogar einen Pullover, um sich vor dem ständigen Wind zu wärmen.

Des Nachts müssen wir ohne Beleuchtung zurechtkommen. Dadurch funkeln die Sterne umso beeindruckender am Himmel. Manchmal ist in den Nachtschichten nichts zu tun. Ich liege auf der Abdeckung des Frachtraums, blicke hinauf in den Sternenhimmel und weiß wieder, warum ich diese Reise mache. Oft heißt es an Bord: „Segeln ist nicht romantisch“, doch immer wieder entstehen genau diese romantischen Augenblicke.

Eines Nachts werden wir von Delfinen begleitet. Sie sind kaum zu sehen, ihre Schatten tauchen immer wieder aus dem Wasser. Der Mond lässt ihre Körper kurz aufblitzen. In der Nacht ist es still hier draußen. Das Geräusch des Windes in den Segeln, der Wellen, die gegen das Schiff schlagen, begleitet uns. In dieser Ursprünglichkeit liegt eine Sanftheit verborgen, die beruhigt und demütig macht.

Nach einer Woche auf See erreichen wir die Kanaren-Insel La Palma. Die Mannschaft ist konzentriert. Kurz vor der Anlegestelle wird der Anker geworfen, wir legen an. Alle applaudieren. Es erfüllt uns mit Stolz, Teil dieses Erlebnisses und Projektes zu sein, das überall, wo wir ankommen, Aufmerksamkeit erregt.

Schaulustige Kreuzfahrtpassagiere kommen zu uns, machen Fotos und stellen Fragen. Ein bisschen kommen wir uns vor wie Tiere im Zoo, vermutlich sehen wir mittlerweile auch exotisch aus.

Kanarischer Rum und Zigarren

Ursprünglich wollten wir nur wenige Tage in La Palma bleiben und kanarischen Rum und Zigarren laden, doch die Insel erweist sich als perfekt, um Vorräte und Trinkwasser zu bunkern, die bis Brasilien reichen sollen. Landgang: Die erste Dusche nach einer Woche auf See ist ein wahres Geschenk.

Als wir nach einer Woche wieder in See stechen, dauert es erneut drei Tage, sich an Seegang und Ruhezeiten zu gewöhnen. Wegen der Windverhältnisse kommen wir zunächst jedoch nicht von La Palma weg. Jedes Mal, wenn ich nach einigen Stunden Schlaf an Deck kletterte, sind wir noch genauso nah an der Insel wie zuvor. Zwei Tage lang manövrieren wir, um das Schiff zumindest auf Position zu halten.

Wieder seekrank, doch immerhin ohne mich über die Reling beugen zu müssen. Irgendwann ist endlich nur mehr Wasser um uns herum. Der Wind hat zugelegt. Wir müssen Klettergurte tragen, damit wir nicht von einer Welle überrascht und weggespült werden können. Ich bin so müde, dass ich während einer Nachtwache fast im Stehen einschlafe.

Allmählich wird es wärmer, und obwohl die Hitze im Schiffsinneren drückt und müde macht, kommt Urlaubsstimmung auf.

Eigentlich war geplant, dass wir vor der kleinen Insel Brava auf den Kapverden für ein paar Tage ankern, doch die Bedingungen in der Bucht, Wind, Felsen, erweisen sich als ungünstig. Ein Fischerboot kommt, nimmt wie vereinbart Waren und einen der Lehrlinge mit, der beschlossen hat, hier auszusteigen. Es geht weiter, ohne dass wir an Land können. Die eigentliche Atlantik-Überquerung beginnt.

Da wir Essens- und Wasservorräte nicht wie erwartet auf den Kapverden aufstocken konnten, heißt es rationieren, sparsam mit Wasser umgehen. Richtig sparsam. Wir dürfen keine Wäsche waschen, uns selbst so wenig wie möglich.

Der Wind bleibt in Äquator-Nähe konstant. So sind wir ab den Kanaren wider Erwarten nur 20 Tage auf See. Die Tage vergehen schnell: Wir feiern Weihnachten am Tag der Wintersonnenwende mit Wichtel- Spiel und Kürbis-Nuss-Gericht, überqueren den Äquator, und auf einmal steht die Ankunft in der nordbrasilianischen Stadt Belém bevor. Am 27. Dezember ankern wir an der Mündung des Río Para im Amazonasdelta. Schleppboote ziehen die Tres Hombres an die Anlegestelle, im Zentrum von Belém.

Schaulustige, wir putzen das Schiff gründlich vor der Einreiseinspektion, Radio und Fernsehen kommen für Interviews. Wir feiern Neujahr an Land, bevor es für die Tres Hombres mit neuen Lehrlingen weitergeht in Richtung Karibik.

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