Braune Ziegel, grüne Küste

erschienen in Die Presse, 9./10.September 2017

PERU. Die Hauptstadt, Lima, wächst rasant. Bei all dem Chaos bilden sich sehr spannende Räume aus.

Aus allen Richtungen ertönen Hupgeräusche. Unterschiedliche Musik schallt aus den Radios der nur mühsam vorwärtskommenden Autos, LKWs und überfüllten Kleinbusse, aus deren Auspuffrohren schwarzer Rauch bläst. Direkt an der Straßenkreuzung versucht ein schwarzer Pick-Up mit getönten Scheiben von der äußersten rechten Fahrspur doch noch nach links abzubiegen. Ein Straßenverkäufer nützt den Verkehrsstillstand, um Popcorn zu verkaufen. Ein anderer zieht aus einer Styropor-Kühlbox Flaschen mit unterschiedlichen Softgetränken hervor. Ein heilloses Durcheinander an Verkehr, buntem Essen, schmutzigem Wasser, Lärm, halbfertigen Betonbauten und wild durch die Gegend gestikulierenden Verkehrspolizisten. Die peruanische Hauptstadt ist berühmt-berüchtigt für endlose Staus, denen man als Besucher bereits auf dem Weg vom Flughafen in Callao zum Hotel in Lima begegnet.

In der Hauptstadt prallt die Vielfalt des ganzen Landes mit seinen drei unterschiedlichen Klimazonen aufeinander. Und doch ist sie für für viele Peru-Reisende noch immer nicht mehr als Durchzugsort auf dem Weg nach Machu Picchu, der beliebtesten Sehenswürdigkeit Südamerikas. Dabei hat die offiziell knapp 9 Millionen Einwohnerstadt einiges zu bieten. Nicht immer scheint sie sich selbst ihrer Schätze bewusst zu sein.

„Das sieht ja aus wie in einer Bücherei!“, ruft der achtjährige Leonardo, das jüngste Mitglied der Gruppe, die an diesem Morgen durch Pucllana geführt wird, begeistert aus. Tatsächlich sind die braunbeigen Lehm-Ziegel der Mauern längs aufgestellt, wie Bücher in einem Regal, allerdings mit jeweils einem Zentimeter Abstand dazwischen. Auf den ersten Blick wirkt es, als könnten die Mauern von Pucllana jeden Augenblick in sich zusammenfallen. Doch gerade dank dieses Details in der Bauweise halten die Bauwerke der Siedlung seit etwa 800 v. Chr. bis heute zahlreichen Erdbeben Stand. „Huaca“ ist der Überbegriff für die präkolombischen Denkmäler, Sehenswürdigkeiten und noch nicht ausgegrabenen Erdhügel, von denen es allein in der Region Lima 365 geben soll. In der Huaca Pucllana wurde Mitte der 1960er Jahre mit den Ausgrabungen begonnen, unterbrochen 1968/ 69 durch den Staatsstreich.

Kulturerbe teilweise überbaut

Als 1981 die Restaurierung fortgeführt wurde, waren von ursprünglich insgesamt 14 Hektar, die unter dem groben Sand darauf warteten, ausgegraben und konserviert zu werden, lediglich 6 Hektar übrig. Der Rest war bereits durch Häuser und Straßen verbaut oder als Baumaterial von Traktoren abgetragen worden.

Die stiefmütterliche Behandlung der Huacas durch das moderne Peru ist laut Alberto Bueno Mendoza symptomatisch für das Land und sein Selbstverständnis. Der betagte Professor für Archäologie an der Universität von San Marcos in Lima kritisiert die Untätigkeit des Kulturministeriums, das sich einer Politik unterordnet, die nur wenig Verständnis für das kulturelle Erbe des Landes hat. Man will sich nach Westen orientieren, modern und fortschrittlich sein. Die Vergangenheit ist da oft im Weg. Mit dem Ausgraben von ein paar Steinhaufen lässt sich eben nicht so viel Geld verdienen wie mit dem Bau eines neuen Einkaufszentrums. „Selbst die Japaner kommen nach Peru, um herauszufinden, wie die Pyramiden den vielen Erdbeben in der Zone Stand halten konnten“, erzählt der Architekt Mario Osorio bei einem Besuch der Huaca Puruchucu. Er widmet seine Arbeit dem Studium der andinen Symbolik und Numerologie. „Diese alten Bauwerke dürfte es laut den Regeln der Architektur, wie sie auf der Universität gelehrt wird, gar nicht geben. Dabei lehren sie uns mehr als jede Universität.“

Palast mit Holzbalkon

Das historische Zentrum Limas wurde 1991 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Die gelben kolonialen Palastbauten mit ihren dunkelbraunen Holzbalkonen, die die Plaza Mayor an zwei Seiten säumen, sind heute hauptsächlich Regierungsbüros und beliebtes Fotomotiv. Gegenüber liegen Präsidentenpalast bzw. die Kathedrale von Lima. Hier am Hauptplatz stand der Galgen, was diesen Ort zum Zentrum der Inquisition gegen alte religiöse Riten, Bräuche und traditionelle Heilmedizin machte. Vielerorts ist zu lesen, die Plaza Mayor sei so etwas wie die Geburtsstätte Limas, doch ist damit lediglich das koloniale Lima gemeint, das von 1535 bis ins 18. Jahrhundert die Hauptstadt ganz Südamerikas war. Die permanente Besiedelung der Täler Lima, Chillón und Lurín, wo große kulturelle Komplexe erbaut wurden, geht auf das 4. und 3. Jahrhundert vor Christus zurück. Schon vor der Ankunft der Spanier war der Großraum des heutigen Lima das am dichtesten besiedelte Gebiet der Küste des heutigen Perus.

Wer die Fußgängerzone Jirón de la Unión in nordwestliche Richtung entlang des Präsidentenpalastes weitergeht, kommt zum alten Postgebäude, das heute kleine Souvenirstände beherbergt. Hinter dem Gebäude gibt es eine Art Promenade, die noch in den 1980er Jahren unzählige informelle Straßenverkäufer beheimatete. Von Zahnbürsten bis Kühlschränken gab es hier alles zu kaufen.

Von hier hat man einen guten Blick über den Río Rimac auf den Cerro San Cristóbal und die Armenviertel, die sich den Hügel hinauf quälen. Als mit der beginnenden Industrialisierung des Agrarsektors und der Fischeri in den 1960er und 1970er Jahren die Bevölkerung Limas explosionsartig anwuchs, siedelten sich die Zuwanderer aus ärmlichen Regionen rund um das Zentrum an. Durch mangelnde Fruchtbarkeit der trockenen Böden oberhalb des Flusses waren die Grundstückspreise entsprechend niedrig.

Auf der anderen Seite der Plaza Mayor führt die Jirón de la Unión in Richtung Südwesten vorbei an wenig einladenden Restaurants und Läden zur Plaza San Martín. Hier erinnert das Grand Hotel Bolivar an Zeiten, in denen das Zentrum auch Lebenszentrum der Stadt war. Noch in den 70er Jahren, bevor sich die Limeños durch den Bevölkerungszuwachs der Hauptstadt neue Stadtteile bauten, war das Grand Hotel eines der beliebtesten Hotels Limas. Heute versucht es, seinen bröckelnden Glanz für Hochzeitsfeiern in Szene zu setzen.

Soziales Ungleichgewicht

„Die Reichen Perus und Limas sind unverschämt reich. Und sie bleiben immer unter sich, machen Urlaub in Miami und Paris“, erzählt der Ende 40-jährige Arturo, der in Österreich lebt und seine Heimatstadt in regelmäßigen Abständen besucht. Er wuchs in San Isidro, einem der reichsten Bezirke Limas, auf, wo seine Eltern eine Wohnung erwarben. „Die anderen Kinder in der Schule konnten nicht verstehen, warum wir nicht wie alle anderen in einem eigenen Haus wohnten. Uns ging es finanziell nicht schlecht, aber verglichen mit den anderen, waren wir richtiggehend arm.“ Arturo erinnert sich an prächtige Wohnhäuser und Paläste aus Kolonialzeiten und die sie umgebenden Gärten, die damals noch gut einsehbar waren. Heute verstecken sie sich hinter meterhohen Mauern oder wurden abgerissen, um für moderne Wohnschlösser Platz zu schaffen.

Lima geht nahtlos in die Nachbarstadt Callao über, wo sich Flughafen und der Containerhafen als wichtiger Handelspunkt Perus befinden. In Callao gibt es Bezirke, wo die Polizei selbst bei Tageslicht keinen Schritt hinein wagt. Die Küstenstraße der Landzunge „La Punta“ hingegen säumen gut erhaltene Villen aus der Kolonialzeit. Dank der ständigen Präsenz von Polizei und anderem Sicherheitspersonal lädt die Promenade mit ihren Restaurants zu gemütlichen Spaziergängen ein. An den Anblick der Männer und Frauen in kugelsicheren Westen gewöhnt man sich rasch. Callao war schon zur Zeit der ersten spanischen Besiedelung in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Hafenstadt und Handelszentrum. Lima befand sich weiter im Landesinneren am Ufer des Rímac Flusses. Lima wurde immer größer und nahm nach und nach die Städte Chorrillos, Miraflores, Barranco, Magdalena Vieja und Magdalena del Mar in sich auf, die heute noch den Bezirken ihren Namen geben.

Moderne & Bohème in Lima

Die auf den ersten Blick so verwirrende Gegensätze Limas offenbaren sich allmählich als natürlich gewachsen. Selbst im Chaos herrscht eben eine gewisse Logik. In Anbetracht der vielfältigen Vergangenheit, die sich dem Besucher an jeder Straßenecke offenbart, lustwandelt es sich mit anderen Augen durch den Parque del amor (Park der Liebenden) zu Füßen der Wohn-Hochhäuser in Miraflores, wo Verliebte Händchen haltend den Sonnenuntergang über dem Pazifik genießen. In den Restaurants und Bars des Einkaufszentrums Larcomar sind die Tische mit Meerblick um diese Tageszeit sehr beliebt. Hier lässt es sich den Tag mit einem erfrischenden Cocktail oder frischen Fruchtsaft ausklingen. Unterhalb der Klippen an der Costa Verde (grüne Küste) tragen die Surfer zum kontrastreichen Stadtbild bei. Zwar sind die Strände weiter im Süden attraktiver und sauberer, doch wer vor oder nach der Arbeit noch schnell ein paar Wellen reiten möchte, für den ist Lima die perfekte Stadt zum Leben. Die Häuser im Rücken vergisst man hier unten schnell, dass man eigentlich mitten in der Stadt ist, bis Hupgeräusche von der Schnellstraße, die am Strand entlangführt, das hypnotisierende Rauschen der Wellen wieder übertönen.

Die meisten Hotels für ausländische Besucher befinden sich im Stadtteil Miraflores, das sich modern und westlich präsentiert. Die Hochhäuser, die entlang der Klippen verlaufen, beherbergen luxuriöse Wohnungen mit traumhaftem Blick auf den Pazifik. Gepflegte Grünanlagen säumen den Küstenstreifen, wo Jogger Familien mit Kleinkindern überholen und Hausangestellte die Hunde ihrer Arbeitgeber Gassi führen. Viele Menschen sehen aus wie Europäer oder Nordamerikaner, manche sind es auch. Peruaner der unteren Schichten arbeiten als Dienstpersonal. Die obere Mittelklasse zelebriert sich selbst in zahllosen Restaurants und Bars. Eine alleinstehende Frau ohne Kinder mit eigener Wohnung und abwechslungsreicher Freizeitgestaltung hat in Peru Seltenheitswert. Nicht so in Miraflores.

In den Bars und Galerien im Künstlerviertel Barranco gibt die Bohème und Alternativ-Szene Limas den Ton an. Barranco ist wohl der am besten erhaltene Teil Limas, wo die kolonialen Bauten gleichsam restauriert und wiederbelebt werden. Der peruanische Starfotograf Mario Testino schuf mit dem MATE Museum ein Zentrum für zeitgenössische Kunst und Fotografie, um dem kreativen Potenzial des heutigen Peru eine Präsentationsfläche zu bieten.

Beim Salsa tanzen im Sargento Pimenta am Dienstagabend verschwendet wohl kaum einer Gedanken an Korruption oder die Wurzeln des sozialen Ungleichgewichts. Das ist Lateinamerika! So lange die Musik spielt, ist das Leben harmonisch und lebendig-leicht.

ANREISE NACH LIMA

Von Europa aus täglich Non-Stop mit Iberia (von Madrid) oder KLM (von Amsterdam), ca. 12 Stunden.

UNTERWEGS IN LIMA

Der öffentliche Verkehr beschränkt sich auf den Schnellbus Metropolitano, die lokalen Busse und geschätzte 180.000 Taxis in Lima und Callao zusammen. Wer nicht Spanisch spricht, sollte beim Taxi bleiben.
Achtung: Preis unbedingt vor dem Einsteigen vereinbaren! Wenn es zu teuer scheint, einfach das nächste Taxi herbeiwinken. Im Stau Fenster hoch und Türen verschließen. Handtasche zu den Füßen stellen, um sie vor den Blicken vorbeigehender potenzieller Taschendiebe zu schützen.

Taxi-Tipp:

Taxi Satelital, Taxi Real (Webseite auch auf Englisch), u.a.: „sicherer“ Taxiservice, der über eine App buchbar ist, die Route kann nachverfolgt werden. Diese Firmen haben fixe Raten für die Strecken. Verlangen meist Online-Registrierung und sind so automatisch mit Kreditkarte zahlbar.

Imbiss:

Auf den Märkten offenbart sich der kulinarische Reichtum Perus. Wer hungrig kommt, wird an den zahlreichen Saftbars mit frischen Fruchtsäften, die man sich selbst zusammenstellen kann, versorgt. Angeblich ist der Ceviche – Perus berühmtes Gericht, bei dem der Fisch nicht gekocht sondern lediglich in Limettensaft kalt gegart wird – hier oft besser und vor allem frischer als in vielen teuren Restaurants in den Nobelvierteln. z.B.:

Mercado Surquillo
Paseo de la República, Block 53
Surquillo
Bioféria (= Biomarkt) an den Sonntagen (sogenannte Superfoods wie verschiedene Sorten von Quinoa, Maca, Roh-Kakao etc. zu guten Preisen und in Bio-Qualität)

Mittagessen:

Canta Rana
Genova 101
Barranco
Ceviche & andere peruanische Spezialitäten. Einzigartiges Ambiente in dem hohen Raum, dessen Wände Bilder diverser VIPs u.ä. zieren. Wer vor 13 Uhr da ist, bekommt meist noch einen Platz.

Zu jeder Tageszeit:

Antigua Taberna Queirolo
Avenida San Martín 1090
Pueblo Libre
Klassische Hausmannskost, Pisco & Wein. Die Taberna befand sich ursprünglich inmitten der Weingärten der Familie Queirolo. Die landwirtschaftlichen Flächen von Pueblo Libre sind der Besiedelung durch die Mittelklasse gewichen. Gemütlicher Flair, kombinierbar mit dem Besuch von Museo Larco und dem Museum für Archäologie und Anthropologie.

Typische Gerichte:
Papa rellena (gefüllte Kartoffel), Rocoto relleno (gefüllte scharfe Paprika), Tamal (mit Mais und Fleisch gefüllte Bananen- oder Maisblätter), Cau Cau (Kuttelgericht), Chorito a la chalaca (Muscheln mariniert in Limettensaft, mit Zwiebeln, Mais und scharfem Paprika)
Servieren eigenen Wein und Pisco (berühmter peruanischer Weinbrand), der heute u.a. in der Wüstenstadt Ica angebaut wird.
Getränketipp:
Res Completa (1 Flasche Pisco und 1 Flasche Ginger Ale), um sich selbst den perfekten Chilcano zu mischen

Kaffeehaus & Baristakurse:

Café Bisetti
Avenida Pedro de Osma 116 (direkt am Hauptplatz von Barranco)
Eigene Kaffeerösterei mit Kaffeeschule und die unterschiedlichen Kaffeesorten Perus zum Verkosten

Ausgehtipp:

Salsatanzen im Sargento Pimienta
Avenida Bolognesi 757
Barranco
jeden Dienstag, Einlass ab 22 Uhr, Live-Musik ab 1 Uhr


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